Home
Audio/Podcast
Blog
Homepage
Schreibstube
Essays

Google
Wikipedia
KAS-Server

flightXpress
737 Classics


Impressum



Folge:
[1],[2],[3],[4]
[5]

Das Vermächtnis der Zeit (5)

Im Sarg der Zeit

In meiner letzten Folge habe ich ja schon über den "Big Bang" und den "Big Rib" gesprochen (also die Auflösung des Universums durch Zerfall der Atomkernstrukturen in ca. 60 Mrd. Jahren). Von all dem werden wir nichts mehr erleben, weil selbst wenn die Menschheit so lange überleben könnte, wird unsere dem lange schon einen Schlussstrich gezogen haben und wir müssten uns weit vor dem nach einer neuen Bleibe umgesehen haben. Das wäre so in ca. 4 Mrd. Jahren der Fall. Was aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit überdauern wird, sind die physikalischen Gesetzmäßigkeiten, denen unser Universum unterworfen ist. Selbst wenn es nach unserem Universum wieder ein Universum geben sollte, dann wird dieses wieder den gleichen Gesetzen unterworfen.
Was sich unseren Verständnis entzieht, ist die Singularität und wie sie funktioniert. Wir müssen uns das so vorstellen: da ist ein leerer Raum (auf diese Leere werde ich noch gesondert zu sprechen kommen) und in diesem leeren Raum taucht an einem wirklich winzig kleinen Punkt plötzlich diese Singularität auf, die sich sofort explosionsartig ausdehnt. Also der berühmte "Big Bang". Bis dahin hat sich aber noch lange keine Materie ausgebildet, das dauert einige Sekunden bis hunderte von Jahren, bis sich Materie manifestiert hat. Was in dieser Zeit vor sich geht, haben die Physiker bis heute noch nicht eindeutig ergründen können. Jedenfalls, wenn man den String-Theoretikern folgen darf, dann bilden sich immer mehrere Instanzen eines Universum gleichzeitig aus, die Zahl 11 Universen wird genannt, aber auch 21. So genau scheint das noch niemand zu wissen.
Entscheidend ist, dass wir in der Physik - und dabei besonders in der Physik der Zeit - über das bloße experimentelle Messen mit Atomuhren hinaus, vor allem davon leben, dass theoretische Forschung betrieben wird. Dabei kommt es darauf an, dass die von den Physikern verwendeten mathematischen Modelle heute mit einer schon phantastischen Genauigkeit in computergestützten Simulationen nachgebildet werden können. Was bei solchen Simulationen entsteht, sind "artifzielle Welten" mit unterschiedlich genauer Ausprägung.
Das Gute daran ist, dass wir die Zeit in diesen Modellen beliebig oft "zurückdrehen" können. Etwas, was in unserem Leben nur mit Hilfe unseres Gedächtnisses möglich ist, um eine Situation noch einmal zu durchleben. Aber dabei wird von unserem Gehirn auch nichts weiter geschaffen, als eine virtuelle Simulation dessen, was einmal war. In die Zeit zurückspringen oder in die Zukunft reisen, können wir nicht. Das ist uns durch das Kontinuum und die Grenze der Singularität verwehrt. Wir können lediglich milliardenjahre alte Artefakte betrachten und untersuchen. Aber direkt in die Zeit der Vergangenheit zurückspringen geht nicht. Jedenfalls nicht so einfach, dazu wäre ein irrer Aufwand an Energie und Materie erforderlich, der sich selbst bei dem allergrößten Forscherdrang nicht finanzieren ließe.
Aber was verwehrt uns eigentlich diese Rückkehr in die Vergangenheit? Dass wir nicht in eine Zukunft springen können, die es noch gar nicht geben kann, scheint logisch und verständlich. Aber etwas, was schon einmal da war, müsste nach menschlichem Ermessen doch jederzeit wieder erreichbar sein. Da ist aber eine imaginäre Mauer, die uns daran hindert und die Vergangenheit gegen eine Veränderung abschirmt: das Jetzt. Was ist eigentlich das "Jetzt"? Ich hatte in einer meiner ersten Folgen schon davon gesprochen, dass wir in unserem Erleben von Zeit immer dem "Jetzt" einen winzigen Bruchteil einer Sekunde hinterherhinken, weil unser Gehirn zwar ein verflixt schneller analoger Computer ist, aber trotzdem einiges an "Rechenzeit" braucht (abhängig von der Nervensignalleitgeschwindigkeit) und uns deshalb immer keinen kleinen Ruck in Richtung Vergangenheit versetzt. Bis wir wahrnehmen, was "Jetzt" war, ist das "Jetzt" schon wieder vollkommen anders. Wir können uns diesem "Jetzt" auch mit technischen Mitteln immer nur in einer Limesfunktion annähern, sprich "
lim(t=0)". Weiter kommen wir nicht in Richtung Vergangenheit. Wir könnten dieses Paradoxon vielleicht dadurch überlisten, in dem wir uns in einem virtuellen Raum befinden, in dem die Uhr ein paar Sekunden oder Minuten nachgeht und alles so in Echtzeit abgebildet wird, wie es vor Sekunden oder Minuten tatsächlich geschehen ist. Wir würden mit unserem virtuellen Raum dann eine virtuelle Reise in die Vergangenheit unternehmen können. Aber es ist künstlich. Wir können nicht in diese Vergangenheit zurück und Dinge oder Tatsachen verändern. Selbst der virtuelle Raum würde das nicht zulassen, denn da ständig ja Ereignisse "gepuffert" werden müssen, um diese dann zeitversetzt wiedergeben zu können, würde alle von der Vergangenheit abweichenden Handlungen unsererseits im Augenblick des Handelns wieder negieren.
In sofern ist die Zeit der Vergangenheit für immer und ewig konserviert und wir können diese Schwelle auch nicht überwinden. Im Prinzip ist die Vergangenheit tot und begraben und liegt in einem Sarg, der für sich für uns nicht mehr öffnen lässt. Aber trotzdem dokumentiert die Zeit alle unsere guten und schlechten Taten, ohne dass wir sie je korrigieren könnten.


Copyright 2009 by „Steinchen“ Veit Heise, alle Rechte vorbehalten. Eine Vervielfältigung in Wort, Schrift oder Bild (auch im Zitat) ohne eine schriftliche Genehmigung des Autors (hier erhältlich) wird strafrechtlich verfolgt. Bitte beachten Sie, dass das Urheberrechtes auch im Internet ein schützenswertes Gut ist, das uns die Freiheit der Meinungsäußerung garantiert. Sie helfen mit, Grundrechte zu sichern, in dem Sie sich an das Copyright halten.